Konflikte klären – ohne zu streiten

Konflikte klären ohne zu streiten

Quizfrage:
In wie vielen Sekunden bist du bei einem Streit von „Diese Unordnung nervt mich. Kannst du bitte deine Sachen wegräumen?“ auf „Das ist hier ein absoluter Saustall und das scheint dich alles überhaupt nicht zu interessieren! Du bist echt unmöglich!“?

Ich vermute, schneller als du „Kampfmodus aktivieren“ sagen kannst. 😉

Wir alle kennen diese vermeintlich harmlosen Sticheleien wegen irgendwelcher Kleinigkeiten – und dann gibt ein Wort das andere, die Gemüter erhitzen sich und der „Du bist an allem schuld!“-Plumpsack geht um. Am Ende ist man in einen handfesten Streit verwickelt, wirft sich sämtliche Verfehlungen der letzten Jahre an den Kopf und ist kurz davor, den Kontakt abzubrechen.

Uffz! Warum müssen Auseinandersetzungen eigentlich so eskalieren?

Hmmm …, wie sehr spoilere ich jetzt, wenn ich sage: Müssen sie gar nicht! 😉

In diesem Artikel erfährst du, wie du Konflikte respektvoll, konstruktiv und lösungsorientiert austragen kannst – ohne dass irgendwas oder irgendwer eskaliert.

Speicher dir die Tipps ab, druck sie dir aus oder lass sie dir am besten gleich auf den Unterarm tätowieren. Man kann sich nämlich gar nicht oft genug daran erinnern! 😉

Worüber wir streiten & warum Konflikte unvermeidlich sind

Zunächst mal: Meinungsverschiedenheiten und Konflikte zwischen Menschen sind vollkommen normal. Je enger man zusammen lebt und miteinander arbeitet, desto mehr Anlass gibt es auch für Reibereien.

Auch wenn man es sich als Harmoniebärchi (kennt das noch jemand?) anders wünschen würde, gehören Konflikte zum Leben dazu, denn wir sind unterschiedlich sozialisiert & erzogen worden und haben entsprechend unterschiedliche Werte, Ziele & Einstellungen mitbekommen. Außerdem gibt es zahlreiche verschiedene Persönlichkeits- und Kommunikationstypen, die sich nicht immer einwandfrei verstehen. Und dann machen wir auch noch teilweise völlig andere Erfahrungen im Leben, sodass jeder Mensch schließlich seine eigene Wahrheit & Sicht auf die Welt hat.

Und das heißt auch, dass man sich zu fast jedem Thema wunderbar in die Haare kriegen kann, wie diese Liste der häufigsten Streitthemen zeigt:

  • Ordnung & Sauberkeit
  • Umgang mit Geld
  • Pünktlichkeit
  • Verteilung von Aufgaben & Pflichten
  • Umgang mit anderen Menschen
  • Zimmertemperatur (der Klassiker!)

Na, wie viele mentale Häkchen hast du gerade gesetzt? ;-P

Übrigens sind das alles lediglich Auslöser oder Anlässe für Streits, nicht die eigentlichen Ursachen.

Beschwerst du dich z.B. darüber, dass dein Gegenüber häufiger zu spät kommt, steht dahinter häufig die Frage: „Bist du mit an Bord? Ziehen wir am selben Strang?“

Wenn wir uns die wahren Gründe & Ursachen für Konflikte ansehen, dann sieht die Liste der Top-Kandidaten wie folgt aus:

  • Missverständnisse
  • unterschiedliche Werte & Weltanschauungen
  • unterschiedliche Lebensziele & Ideen, wie man diese erreichen kann
  • unterschiedliche Temperamente
  • unterschiedliche aktuelle Bedürfnisse
  • Wunsch nach mehr Wertschätzung & Aufmerksamkeit

Die meisten Konflikte entstehen dann, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt oder Erwartungen enttäuscht werden. Die meisten von uns wollen z.B. anerkannt werden, aufmerksam und freundlich behandelt oder unterstützt werden. Paradoxerweise kämpfen wir oft darum, indem wir schimpfen, klagen, uns beschweren oder dem anderen Vorwürfe machen. Is there anything more tragic than this? O_O

Es ist übrigens keine Lösung, kritische Themen aus Angst vor Streitereien gar nicht erst anzusprechen und zu ignorieren. Die meisten Probleme verwandeln sich leider nicht von alleine in luftig-leichte Seifenblasen, sondern sie gären vor sich hin und werden mit der Zeit immer größer und schwerer zu lösen. 

Und außerdem müssen unterschiedliche Meinungen, Ziele & Wünsche nicht zwangsläufig in einem handfesten Schreiwettbewerb oder tagelangem Strafschweigen enden. Man kann sehr wohl Konflikte offen austragen und klären, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu springen – und genau das schauen wir uns jetzt an.

Merke: “Konflikte sind unvermeidlich – Streit ist optional.“

So führst du ein gutes Konfliktgespräch:

1. Ein konstruktives Ziel verfolgen

Das Wichtigste bei einem Konfliktgespräch ist, dass du ein konstruktives Ziel vor Augen hast, z.B. ein Problem zu lösen, Klarheit zu schaffen, Grenzen zu setzen oder etwas Neues zu lernen & dich weiterzuentwickeln.

Oft streiten wir uns, um unserer Empörung Luft zu machen. Oder wir verfolgen unterschwellig das Ziel, uns für erlittene Verletzungen & Kränkungen zu rächen. Oder wir wollen unbedingt und koste es, was es wolle, recht „behalten“. Alles Ziele, die eher gegen andere gerichtet sind und damit Konflikte befeuern.

Besser ist es, wenn du irgendeine Art der Entwicklung oder Verbesserung der Situation anstrebst. Das Motto lautet also: „Klären statt zerstören.”

2. Respekt & Wertschätzung für alle Beteiligten

Der zweitwichtigste Punkt, damit Meinungsverschiedenheiten nicht eskalieren, ist deine innere Haltung zur anderen Person.

So schwer es dir aktuell fallen mag, versuch dein Gegenüber mit Wertschätzung oder zumindest mit Respekt zu behandeln.

Wenn du die andere Person als Gegner oder Feind siehst, wirst du dich instinktiv schützen und machst dicht oder greifst an. Betrachte dein Gegenüber stattdessen als Gesprächspartner*in, mit dem/der du gemeinsam eine Lösung finden willst.

Egal, wie sachlich oder höflich du etwas formulierst, bei jeder Äußerung schwingt mit, wie du zu der anderen Person stehst & was du von ihr hältst (die „Beziehungsebene“ im Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun). Wenn du sie geringschätzt, dann spiegelt sich das automatisch in deiner Mimik, Gestik und deinem Verhalten wider. Keine gute Basis für einen konstruktiven Gesprächsverlauf.

Wenn du dich sehr über die andere Person ärgerst oder verletzt bist, hilft es, wenn du das problematische Verhalten klar von der Person trennst. Kritisiere also nicht den (vermeintlich negativen) Charakter der anderen Person, sondern ein ganz konkretes Verhalten in einer bestimmten Situation.

Also statt:

„Du bist so XY (z.B. unordentlich)!“

lieber:

„Du hast XY gemacht (z.B. deine Sachen gestern nicht weggeräumt).“

Wenn ihr eigentlich eine gute Beziehung miteinander führt, mach dir bewusst, welche Stärken & Fähigkeiten dein Gegenüber hat und was du an ihm/ihr schätzt.

Und: Hab Mitgefühl. Je stärker die andere Person um sich schlägt, desto größer ist ihre eigene Verletzung und Angst. Ein guter Merksatz ist: „Wer schreit, hat Aua!“

Eine respektvolle innere Haltung wirkt sich außerdem positiv auf deinen Tonfall, deine Körpersprache und deine Wortwahl aus, sodass die andere Person sich deutlich weniger angegriffen fühlt, wenn du anderer Meinung bist oder etwas kritisierst.

3. Konflikte ansprechen mit den 3 Ws

Wenn du selbst ein kritisches Thema ansprechen und ein Problem klären willst, empfehle ich dir die 3 W-Methode. Richtig angewendet verhindert sie, dass du mit Anklagen und Schuldzuweisungen ins Gespräch einsteigst, und erhöht dadurch die Chance, dass dein Gegenüber dir zuhören und deine Sichtweise zumindest nachvollziehen kann. Und so geht sie, die dreifach wunderbare „Zauberformel“:

1. Wahrnehmung

Sag deinem Gegenüber so objektiv wie möglich, was genau dich stört und in welcher konkreten Situation das Verhalten aufgetreten ist. Versuch, das Verhalten nicht zu bewerten, sondern nur deine Wahrnehmung zu beschreiben.

„Mir ist aufgefallen, dass du letzte Woche drei Mal zu spät gekommen bist, ohne Bescheid zu sagen.“

2. Wirkung

Mach deutlich, welche Auswirkungen das kritisierte Verhalten auf dich / euch / Dritte hat. Bleib dabei möglichst bei deinen eigenen Gefühlen, Werten und Bedürfnissen. Du bist auf dem richtigen Weg, wenn deine Sätze mehr „ich“ als „du“ enthalten. 😉

„Das war mir peinlich, weil wir alle auf dich gewartet haben und sich der Termin nach hinten verschoben hat. Ich finde es unhöflich, andere warten zu lassen. Außerdem habe ich mir Sorgen gemacht, dass dir etwas passiert sein könnte.“

3. Wunsch

Wie heißt es so schön: Nur wenn du deine Wünsche äußerst, hast du auch die Chance, dass sie erfüllt werden. 😉 Sag also deinem Gegenüber, was du dir stattdessen wünschst und mach ggf. einen Vorschlag, wie der Weg dorthin aussehen könnte. 

„Ich möchte / wünsche mir, dass du zu unseren gemeinsamen Terminen in Zukunft pünktlich bist. Ist es dir möglich, dir Erinnerungen einzurichten, um rechtzeitig loszugehen, oder Termine von vorneherein so einzurichten, dass du pünktlich da sein kannst?“

4. Zuhören & die Gegenseite verstehen

Falls die Sichtweise deines Gegenübers bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist, solltest du unbedingt in Erfahrung bringen, wie dein Gegenüber zu der ganzen Sache steht.

Denn die Gründe & Motive, die die andere Person hat, sind der Schlüssel zum Verständnis und damit auch zur Lösung eines Konflikts.

Zeig also Interesse an der Sicht & Meinung deines Gegenübers – gerade, wenn du das Verhalten nicht nachvollziehen kannst. Ein gutes Motto: „Verstehen wollen statt verurteilen.“

Stell möglichst offene Fragen wie:

„Was ist gerade bei dir los, dass du dich so verhältst?“
„Ich wundere mich, dass …. Wie kommt das?“
„Kannst du mir erklären, woran das liegt?“

Fass das, was dein Gegenüber sagt, in eigenen Worten zusammen, um sicherzustellen, dass du ihn richtig verstanden hast, z.B. so:

„Du meinst also, dass …“
„Du bist enttäuscht / wütend, weil …“

„Du fühlst dich alleingelassen, weil …“
„Du hättest erwartet, dass…“
„Es ist dir wichtig, dass…“

Tipp für Zwischendurch:
Wenn du merkst, dass ihr euch gegenseitig hochschaukelt und das Gespräch aus dem Ruder läuft, dann macht eine Pause und vertagt das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt, wenn euer präfrontaler Cortex wieder funktionsfähig ist! 😉

5. Eine gemeinsame Lösung finden

So wichtig sie ist, mit der „Ursachenforschung“ sollte das Gespräch nicht enden. Richte – sobald beide Sichtweisen klar sind – deinen Fokus darauf, eine Lösung zu finden, mit der ihr beide einverstanden seid.

Dabei solltest du möglichst keine „fertigen Rezepte“ auftischen, sondern die andere Person aktiv in die Lösungssuche einbeziehen

Pro-Tipp: Such nach Gemeinsamkeiten zwischen euren Beweggründen, Motiven, Zielen und Wünschen. Es gibt fast immer Punkte, auf die sich beide Seiten verständigen können. Gibt es z.B. eine gemeinsame Motivation für eine Veränderung?

Sei beim Lösungsfinden so offen und unvoreingenommen wie möglich, wie bei einem echten Brainstorming. Und bürde der anderen Person nicht die gesamte Verantwortung für die Veränderung auf, sondern biete aktiv deine Mitarbeit oder Unterstützung an.

Gute Fragen sind z.B.:

„Welche Möglichkeiten haben wir, die Sache anders anzugehen?“

„Was müssten wir tun, damit das gelingt?“

Denkt auch über kleinere oder zeitlich befristete Teillösungen und Kompromisse nach.

Wenn ihr z.B. darüber diskutiert, ob ihr lieber Wellness-Urlaub machen wollt oder Wandern, könntet ihr euch darauf einigen, dieses Jahr Massagen zu buchen und im nächsten Jahr den Rucksack zu schultern.

Einigt euch am Ende auf ein gemeinsames Ziel, das eure beiden Bedürfnisse erfüllt, und überlegt, wie ihr es am besten erreichen könnt (ggf. Hürden und Teilschritte einplanen). 

Selbst wenn das Gespräch zwischendurch etwas rocky war: Bedank dich bei deinem Gegenüber unbedingt für seine Zeit und Bereitschaft, das Thema zu besprechen und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.

Du willst das ganze mal in Aktion sehen? In meinem Artikel Raus aus der Eskalation gehen wir ein konkretes Streitgespräch durch und lassen es einmal ungebremst eskalieren und einmal bewusst mit den hier vorgestellten Strategien deeskalieren.

Noch ein Satz zu den ganz harten Fällen, also wenn dein Gegenüber absolut nicht kooperativ ist und sich keinen Millimeter auf dich zubewegen will.

Vielleicht hast du schon mal den Spruch: „Love it, change it oder leave it“ gehört?

In diesem Artikel haben wir uns das „change it“ genauer angeschaut. Wenn das partout nicht funktionieren sollte, bleiben immer noch zwei Optionen: 

Akzeptieren („love it“) oder Aussteigen („leave it“).

Wenn du mehrfach fruchtlose Gespräche geführt hast, die sich irgendwann nur noch im Kreis drehen, kann es ein Zeichen von Reife sein, diese Art von Auseinandersetzungen in Zukunft sein zu lassen, dich in Toleranz zu üben und deinen Frieden damit zu machen, wie es ist.

Wenn dir das nicht möglich ist oder die aktuelle Situation für dich unerträglich ist, solltest du Konsequenzen ziehen und die (Arbeits-, Liebes-, Freundschafts-, Verwandtschafts-)Beziehung beenden. Ich empfehle dir, vor diesem Schritt unbedingt Unterstützung von außen dazuholen, z.B. im Rahmen einer Beratung, Mediation oder (Paar-)Therapie.

Vermeide diese Sackgassen!

Nach den vielen „Do’s“ für konstruktive Konfliktgespräche gebe ich dir zum Abschluss noch eine Liste der wichtigsten „Don’ts“ mit, denn bei jeder emotionalen Auseinandersetzung besteht die Gefahr, an der einen oder anderen Kreuzung falsch abzubiegen.

Damit du nicht in einer Gesprächssackgasse landest, achte auf die folgenden Warnschilder und umfahre sie weiträumig: 😉

  • Vorwürfe & Anschuldigungen
  • Verallgemeinerungen
  • Ironie, Zynismus und Sarkasmus
  • Beleidigungen & Schimpfwörter
  • Drohungen
  • Übertreibungen
  • Rechthaberei
  • Spott & Häme
  • sämtliche Verfehlungen der Vergangenheit aufzählen
  • „Nebenkriegsschauplätze“ aufmachen
  • „Ich bin gut, der andere ist böse“-Denken
  • mauern, schweigen, sich entziehen
  • laut werden & anschreien

Abgespeichert, ausgedruckt und eintätowiert? Super, dann steht einem konstruktiven Gespräch ja nichts mehr im Wege, oder?

Fast! Eine Sache solltest du unbedingt noch tun: ÜBEN! Denn im Eifer des Gefechts schaltet unser Hirn oft auf „Autopilot“ und unsere alten Muster gewinnen wieder die Oberhand. Eine konstruktive Auseinandersetzung will daher gut vorbereitet & trainiert sein. Sprich mich an und wir üben dein nächstes schwieriges Gespräch zusammen, damit kein Konflikt mehr eskalieren muss!

Was bringt dich an anderen regelmäßig auf die Palme? Und hast du einen Geheimtipp, um zu verhindern, dass Streits eskalieren? Schreib’s mir in die Kommentare!

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2 Kommentare zu „Konflikte klären – ohne zu streiten“

  1. Mein Mann und ich haben uns in letzter Zeit oft gestritten. Ich merke, dass wir einander nicht zuhören und uns nicht einigen können. Mir gefällt der Tipp, sich nach einem Gespräch bei der anderen Person dafür zu bedanken, dass sie bereit war, über etwas nachzudenken. Das werde ich versuchen. Wenn sich die Lage nicht bald bessert, erwäge ich den Einsatz einer Mediatorin. Ich möchte meinen Mann nicht wegen unnötiger Streitereien verlieren!

    1. Liebe Emma, das ist wirklich eine belastende Situation, die du da beschreibst, das tut mir sehr leid zu hören. Du schreibst, dass ihr euch gar nicht (mehr) richtig zuhören könnt. Wahrscheinlich sind schon einige sehr unschöne Sachen zwischen euch gesagt worden und ihr seid beide verletzt und fühlt euch unverstanden. Das kommt sehr oft vor in Beziehungen, vor allem, wenn Bedürfnisse längere Zeit nicht erfüllt sind. Ich kann deine Idee, eine Mediatorin/einen Mediator hinzuzuziehen, nur unterstützen. Meistens lohnt es sich, für den Erhalt einer Beziehung zu kämpfen und darin zu investieren, seine eigenen Verhaltensmuster zu hinterfragen und ggf. zu verändern. Möglicherweise hilft euch auch die Methode des Zwiegesprächs von Michael Lukas Moeller. Eine erste kurze Anleitung dazu findest du hier: https://nlp-zentrum-berlin.de/infothek/nlp-psychologie-blog/item/zwiegespraeche-michael-lukas-moeller Ich wünsche dir und deiner Beziehung das Allerbeste! Deine Miriam

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