Hilfe, ich bin zu nett!

Hilfe, ich bin zu nett

Vielleicht fühlst du dich direkt angesprochen und hast selbst schon mal gedacht: „Ich bin einfach zu nett für diese Welt!“  Vielleicht fragst du dich aber auch: „Wie kann man denn zu nett sein? Zu aggressiv oder egoistisch, klar. Aber zu nett?!“

Let me tell you, it’s a thing! Man kann im Leben tatsächlich „zu nett“ sein: Zu nett, um sich gegen Angriffe zu wehren oder sich gegen andere Meinungen durchzusetzen. Zu nett, um zu sagen, was man wirklich denkt & will. Zu nett, um Anfragen & Aufforderungen abzulehnen. Und vor allem zu nett, um gut auf sich Acht zu geben. 

In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, was es mit der übertriebenen Nettigkeit auf sich hat, warum sie dir schaden und was du stattdessen tun kannst.

1. Welche Vorteile hat es, nett zu sein?

Zunächst mal: Nett zu anderen Menschen zu sein ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil! Wie schön wäre unsere Welt, wenn wir alle netter und freundlicher miteinander umgingen!

Echtes Nettsein ist eine Tugend: Sie sorgt dafür, dass wir mit anderen Menschen gut auskommen, dass wir verträglich sind, Kompromisse eingehen und auch mal ein Auge zudrücken können.

Nette Menschen sind überdurchschnittlich oft gute Zuhörer und behandeln andere meist zuvorkommend und mit Respekt. Sie können sich gut in andere hineinversetzen und sind in der Regel friedfertige, verständnisvolle Zeitgenossen, die versuchen, andere so wenig wie möglich zu verletzen. (Yay, Karmapunkte!)

Kein Wunder, dass andere Menschen sich oft zu ihnen hingezogen fühlen und ihre Gesellschaft schätzen.

Nett sein hat zahlreiche Vorteile und trägt insgesamt zu einer harmonischen Gesellschaft bei.

Hach, wie herzig! Also alles paletti mit den Nettis? Weeell, nicht ganz.

2. Warum "zu nett" sein problematisch ist

Wenn „nett“ sein etwas Gutes ist, dann steckt das Problem offenbar im Wörtchen „zu“, also in der Übertreibung, im Übermaß. Das ist dann der Fall, wenn deine Nettigkeit praktisch alternativlos ist und du gar nicht mehr anders kannst als mit einem (gequälten) Lächeln „Ja, na klar, gerne!“ zu sagen.

Dieses zwanghafte Nettsein ist ein Zeichen dafür, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und die eigentlich positive Tugend ins Negative verzerrt wurde.

Wieso ins Negative? Kann man denn überhaupt „zu nett“ sein? Gilt hier nicht: Je mehr, desto hurra?

Leider nein. Vielleicht hast du schon mal von der „Nettigkeitsfalle“ oder dem “Mona-Lisa-Syndrom“ gehört? Auch der Spruch „Everybody’s Darling = Everybody’s Depp“ zielt in dieselbe Richtung.

Wenn du auch in Situationen nett bist, in denen dein Gegenüber dich verletzt, ausnutzt oder etwas von dir will, was du nicht möchtest, dann sind vermutlich wichtige Fähigkeiten unterentwickelt, die dir helfen, dich abzugrenzen und zu schützen. Dazu gehören z.B. Durchsetzungsvermögen, Konfliktfähigkeit, Standfestigkeit, Nein-Sagen, Hilfe annehmen oder anderen mitteilen können, was du fühlst, willst & brauchst.

Du willst deinem Verdacht nachgehen und wissen, wie stark diese Fähigkeiten bei dir ausgeprägt sind? Dann mach hier den Test:

Und, wie hast du abgeschnitten? 😉

Wenn dir noch ein paar Punkte fehlen, hast du wahrscheinlich schon häufiger erlebt, dass das Nettsein um jeden Preis dich im Alltag & im Job ganz schön ausbremst.

Ich selbst habe z.B. als junge Frau am Anfang meines Berufslebens fleißig, lieb & nett alles getan (und oft übererfüllt), was man von mir erwartet hat, bekam aber wenig dafür zurück. Dabei hatte ich doch immer brav „Ja“ gesagt, auch wenn meine To-Do-Liste schon überquoll, meinen Mund gehalten, wenn mir etwas nicht gefallen hat, und jeden potenziellen Konflikt vermieden. Warum verdiente ich dann immer noch so wenig Geld und war das Mädchen für alles statt die nächste Team-Leaderin?

Interessanterweise geht die Rechnung der netten Blumenkinder meist nicht auf: Oft bekommen sie für ihre Mühe wenig Anerkennung und ihr Standing ist bescheiden, da man ihnen verantwortungsvolle Aufgaben, bei denen man sich auch gegen Widerstände durchsetzen muss, gar nicht erst zutraut. Stattdessen erledigen sie häufig die Aufgaben, die kein anderer machen will und mit denen man sich nicht profilieren kann. In der Folge bleiben sie „unsichtbar“ und werden bei Weiterbildungen, Beförderungen oder der Verteilung spannender Aufgaben regelmäßig übergangen. (Ist das die neue Form des Ghostings? 😉 )

Abgesehen von verpassten Karrierechancen kann sich eine übermäßige Nettigkeit aber auch in anderen Bereichen negativ auf dein Leben auswirken:

Wenig überraschend neigen zu nette Menschen dazu, sich überall nützlich machen zu wollen und übernehmen sehr viele Aufgaben, die sie nicht an andere delegieren. Der daraus folgende Dauerstress kann mittel- und langfristig u.a. zu Schlafstörungen, Magenproblemen, Tinnitus, Burnout oder Depressionen führen.

Wenn dann auch noch die Wertschätzung für die geleistete Arbeit ausbleibt, kratzt das ganz schön am Selbstwertgefühl und hinterlässt den nagenden Verdacht, dass andere Menschen einen ausnutzen. Je nach persönlichem Naturell können sich dann auch noch Gefühle von Neid und Missgunst dazugesellen.

Hm, das klingt weder besonders attraktiv noch besonders clever. Warum sind wir so „unnett“ zu uns selbst?

3. Der Glaube, es allen recht machen zu müssen

Unsere eifrige und immer freundliche Einsatzbereitschaft hat vor allem ein Ziel: Anerkennung & Wertschätzung vom Gegenüber zu erhalten.

Dieser dringende Wunsch, durch Anpassung, Gefälligkeit & Leistung gemocht zu werden, ist auch unter dem englischen Namen „People Pleasing“ bekannt und hat seinen Ursprung (wen wundert’s?) in unserer Kindheit.

Nett sein war als Kind eine hervorragende Strategie, um sich zu schützen: vor dem Ärger, der Enttäuschung oder der Bestrafung durch die Eltern. Die Angst vor negativen Konsequenzen und Liebesentzug war (und ist) also ein wesentlicher Antrieb, nett zu sein und zu tun, was von einem erwartet wird.

Außerdem war die Aufforderung, möglichst lieb und artig zu sein, anderen keine Umstände zu machen und immer schön Danke & Bitte zu sagen (und weniger „Ich will!“) bei vielen Menschen aktiver Teil ihrer Erziehung. Wenn sie sich als Erwachsene dann verweigern und „Nein“ sagen, haben sie starke Schuldgefühle.

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt: Indem wir zu anderen nett sind, erhöhen wir die Chance, dass die andere Person uns wohlgesonnen ist und uns ebenfalls etwas Gutes tut, wenn wir darauf angewiesen sind. Prinzip: „Eine Hand wäscht die andere.“

Während der letzte Grund auch im Erwachsenenalter durchaus Bestand hat, lohnt es sich, die beiden ersten kritisch zu hinterfragen. Dass man nicht von allen gemocht wird, ist vollkommen normal und zu erwarten. Es kann uns einfach nicht jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt mögen. Aber: Wir sterben nicht daran. Als Erwachsene können wir das erkennen und lernen, diese Ängste bzw. Glaubenssätze mit Geduld und Übung loszulassen.

4. Muss ich jetzt zum Rambo werden?

Vielleicht fragst du dich jetzt, ob du zum rücksichtslosen Rambo mutieren musst, um deine überbordende Nettigkeit zu kurieren? Keine Sorge, es geht nicht darum, eine 180-Grad-Wende hinzulegen, das wäre ja einfach das andere Extrem und noch ungesünder als vorher (abgesehen davon, dass es gegen dein Naturell wäre und vermutlich gar nicht ginge)! Das Ziel ist statt zu nett einfach normal nett zu werden. Und dafür brauchst du nichts weiter als eine Prise mehr Durchsetzungsvermögen und ein paar wirksame Kommunikations-Hacks!

Das Coole an uns Menschen ist ja, dass wir zwar durch unsere Gene, Umwelt & Erziehung geprägt sind, dass wir uns aber bis ins hohe Alter weiterentwickeln und neue Verhaltensweisen lernen können.

Für mich als ehemals „zu Nette“ war z.B. das Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun ein echter Augenöffner. Und weil es immer zu wenig Liebe bekommt, stelle ich es hier mal ausführlicher vor:

Werte- und Entwicklungsquadrat

Links oben findest du den positiven Kern deiner Eigenschaft (deinen Wert). Nette Menschen können sich z.B. oft gut in andere hineinversetzen und kommunizieren eher empathisch.

Rechts oben findest du den positiven „Schwesterwert“, der deinen ergänzen kann und sollte. In diesem Fall ein assertiver, also selbstbewusster & durchsetzungsstarker Kommunikationsstil.

Oft sind diese Werte aber ins Negative übersteigert, dann trittst du entweder„zu nett“ oder auf der anderen Seite „zu autoritär“ auf. Diese beiden auf der unteren Ebene dargestellten Kommunikationsstile geraten im echten Leben häufig aneinander. Missverständnisse & Verletzungen sind da vorprogrammiert (daher das Blitzsymbol).

Das Modell ist aber keine rein statische Zustandsbeschreibung, sondern deutet mögliche Entwicklungsrichtungen an, nämlich von der verzerrten Übersteigerung hin zum positiven Kernwert. Wenn du also aus der linken unteren Ecke kommst, dann solltest du dein Zu-Nett-Sein mit etwas Durchsetzungsvermögen würzen, um auf die obere Ebene zur Empathie zu gelangen (siehe die beiden Pfeile).

Der empathische & der assertive Kommunikationsstil sind übrigens keine gegensätzlichen Pole, sondern ergänzen und bereichern sich (dargestellt durch den Ehering).

Echte Kommunikationsprofis beherrschen beide Stile gleichermaßen und können ihren „Schieberegler“ je nach Situation und ihren inneren Bedürfnissen mehr nach links zur Empathie oder mehr nach rechts zur Durchsetzungsfähigkeit schieben. Das Ziel ist immer eine möglichst stimmige Kommunikation, die einerseits dir selbst entspricht und andererseits der Situation, in der du dich befindest.

Ein schöner Leitsatz für einen Kommunikationsstil, der sowohl assertiv als auch empathisch ist, lautet:

Grenzen setzen, ohne zu verletzen.

Zum Beispiel so, wie die wunderbare Aretha Franklin:

5. Wie lerne ich, mich besser durchzusetzen?

Kommen wir zur großen Chefkoch-Frage: Wie würzt du deine nette, empathische Kommunikation mit mehr Selbstbewusstsein & Durchsetzungsvermögen?

Im Communicorn-Blog findest du bereits zahlreiche Beiträge, die dich auf den Weg zu mehr Durchsetzungsvermögen bringen. Außerdem begleite & unterstütze ich dich auch im persönlichen 1:1 Training dabei, nett und selbstbewusst zu kommunizieren. Just give me a call!

Damit du nicht lange im Blog suchen und wühlen musst, hab ich dir hier eine Liste der wichtigsten Kommunikations-Hacks plus den jeweiligen Link zum entsprechenden Artikel zusammengestellt:

  • hake nach, wenn dir irgendetwas nicht klar ist, und nutze Fragen, um das Gespräch zu lenken (-> Keine Angst vor Kritik 1)

Du traust dich oft nicht, für dich einzustehen, und fühlst dich nicht recht ernst genommen? Schnapp dir deinen gratis Trainingsplan für mehr Durchsetzungsvermögen im Job & leg den nächsten Gang ein!

Wie sind deine Erfahrungen: Bist du tendenziell „zu nett“ und wünschst dir mehr klare Kante? Oder kommst du vom anderen Ende des Spektrums und wärst gerne empathischer? Schreib’s mir in die Kommentare!

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